Es gibt einen Satz, den ich in meiner Arbeit immer wieder höre: «Ich weiss gar nicht mehr, was ich eigentlich fühle.» oder «ich weiss gar nicht, was es heisst zu fühlen.» Manche sagen ihn leise, fast entschuldigend. Andere mit Tränen in den Augen. Viele erst nach einer Weile, wenn das Vertrauen da ist. Viele glauben, sie seien damit allein. Doch die Wahrheit ist: Sehr viele Menschen haben den Kontakt zu ihren Gefühlen verloren oder schlichtweg Angst mit ihnen in Berührung zu kommen. Warum ist das so?
Nicht, weil sie etwas falsch gemacht haben.
Sondern, weil wir in einer Gesellschaft leben, die heute Gefühle zwar akzeptiert, sie aber gleichzeitig nicht wirklich aushält. Wir dürfen funktionieren. Wir dürfen stark sein. Wir dürfen leisten. Aber tief fühlen? Das wird schnell unbequem.
Eine leise, aber mächtige Botschaft
Offiziell sagen wir heute: „Gefühle sind wichtig.“ Inoffiziell lebt eine ganz andere Botschaft weiter: Trauer? Bitte nicht zu lange. Wut? Sei lieber vernünftig. Überforderung? Reiss dich zusammen. Sensibilität? Stell dich nicht so an.
Viele Menschen, Frauen wie Männer wachsen mit Sätzen auf wie:
- „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“
- „Weinen bringt doch nichts.“
- „Du bist zu empfindlich.“
- „Sei nicht so emotional.“
So lernen wir früh: Gefühle sind etwas, das man kontrollieren muss. Etwas, das man besser versteckt. Irgendwann spüren wir sie kaum noch, da wir sie Stück für Stück abspalten, eine Überlebensstrategie um unseren Platz in der Gesellschaft zu sichern.
Woher kommt diese Angst vor Gefühlen?
Die Unterdrückung von Emotionen ist kein modernes Problem.
Sie hat tiefe historische Wurzeln!
Die alten Glaubenssätze der Antike
Schon in der Antike wurden Gefühle als etwas Gefährliches betrachtet. Ein „vernünftiger Mensch“ sollte seine Emotionen beherrschen. Gefühle galten als irrational, unberechenbar, störend. Besonders Trauer, Angst oder starke Wut wurden als Schwäche gesehen. Hier entstand eine Denkweise, die uns bis heute prägt:
Kontrolle = Stärke
Fühlen = Risiko
Religion und Moral: Leiden statt fühlen
Im Mittelalter wurde diese Haltung noch verstärkt. Leid wurde spirituell verklärt: „Trag dein Kreuz.“ „Leiden reinigt.“ „Klagen ist Schwäche.“ Emotionale Not galt nicht als menschlich, sondern als moralisches Problem. Menschen lernten, Schmerz still zu ertragen statt ihn fühlen und ausdrücken zu dürfen.
Macht braucht angepasste Menschen
In alten Machtstrukturen, Kirche, Militär, Monarchien waren Emotionen unerwünscht. Ein Mensch, der fühlt, ist schwerer zu lenken. Ein Mensch, der fühlt, beginnt Fragen zu stellen. Also wurde über Generationen vermittelt: Sei ruhig. Funktioniere. Mach keine Probleme. Diese Prägungen tragen wir bis heute in uns, oft unbewusst.
Industrialisierung: Der Mensch als Maschine
Mit der Industrialisierung wurde Gefühlsunterdrückung regelrecht zur Norm. Die Welt brauchte Menschen, die:
- leistungsfähig
- belastbar
- berechenbar
- „stark“
funktionierten.
Trauer, Erschöpfung oder Depression wurden plötzlich zu Charakterfehlern.
Aus dieser Zeit stammen Sätze wie: „Reiss dich zusammen.“ „Stell dich nicht so an.“ „Andere haben es schwerer.“ Viele von uns haben genau diese Sätze noch im Ohr.
Kriege und emotionale Taubheit
Die Weltkriege haben unsere Gefühlswelt massiv geprägt. Millionen Menschen mussten Dinge erleben, die kaum zu ertragen waren. Um zu überleben, blieb oft nur ein Weg: Abschalten. Nicht fühlen. Weitermachen. Nach den Kriegen wurde diese Taubheit nicht geheilt, sie wurde an Kinder und Enkel weitergegeben. Das nennen wir heute: transgenerationale Traumatisierung. Viele Menschen tragen Gefühle in sich, die nie ausgesprochen werden durften.
Die Folgen heute
All das hat Spuren hinterlassen. In unserer Gesellschaft gilt noch immer: Gefühle sind störend. Leistung ist wichtiger. Funktionieren ist der Massstab.
Das Ergebnis sehe ich jeden Tag: Menschen, die äusserlich stark wirken und innerlich erschöpft sind. Menschen, die alles im Griff haben, nur nicht mehr sich selbst. Viele Symptome, die wir heute erleben, haben genau hier ihre Wurzeln:
- innere Leere
- Erschöpfung
- Schlafprobleme
- diffuse Ängste
- Beziehungsprobleme
- das Gefühl, nicht mehr bei sich zu sein
Nicht weil mit ihnen etwas nicht stimmt. sondern weil Gefühle zu lange keinen Raum hatten.
Umdenken ist gefragt! Gefühle sind keine Schwäche, sie sind Urkraft
In Wahrheit sind Gefühle unser wichtigstes Navigationssystem. Sie zeigen uns:
- wo Grenzen verletzt werden
- was wir wirklich brauchen
- was uns guttut
- was geheilt werden will
Hinter jedem Gefühl steht eine tiefe Intelligenz: Wut schützt Grenzen. Trauer heilt Verlust. Angst macht wach und will das Thema hinter der Fassade erkennen. Freude verbindet mit dem Leben. Sehnsucht weist den Weg. Gefühle sind Energie in Bewegung. Alles, was nicht gefühlt werden darf,
bleibt im Körper und in der Seele gespeichert.
Der Weg zurück zu den Gefühlen
Viele Menschen spüren heute: So wie bisher geht es nicht weiter. Der Weg zurück beginnt mit einer einfachen, aber mutigen Entscheidung: Ich darf fühlen. Das heisst:
- langsamer werden
- wahrnehmen statt wegdrücken
- dem Körper zuhören
- ehrlich mit sich selbst sein
Für manche ist das ein neuer, ungewohnter Weg. Aber es ist der Weg zurück nach Hause, zu sich selbst.
Heilung über Generationen
Wenn ein Mensch heute beginnt, wirklich zu fühlen, passiert etwas Grosses. Er heilt nicht nur sich selbst. Er unterbricht ein altes Erbe. Er gibt seinen Kindern etwas Neues weiter: Ehrlichkeit. Authentizität. Mitgefühl. Lebendigkeit. Menschlichkeit. Emotionale Heilung ist immer auch kollektive Heilung.
Ein neuer Umgang mit Gefühlen
Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, etwas Neues zu lernen: Gefühle sind kein Problem. Sie sind ein wichtigster Teil unseres Menschseins. Ein fühlender Mensch ist nicht schwach, genau das Gegenteil. Er ist lebendig. Genau solche Menschen braucht diese Welt. Sei mutig, für DICH und deine nächste Generation. Der Weg zurück zu den Gefühlen ist der Weg zurück zu dir selbst. Nicht perfekt. Nicht glatt. Aber echt.



